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  • 21 / 11
    2011

    Editorial 4/2011

    Impressionen vom Westbalkan

    Leitartikel des Newsletters 4/2011 als pdf

    Abflug vom Flughafen Schwechat, nach nur etwas mehr als einer Stunde Ankunft in Skopje. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Hier Menschenmassen, Hektik, lange Warteschlangen; dort Leere, die Maschine der Austrian das einzige Flugzeug, eine Handvoll Menschen. In der großen Halle: die vier oder fünf Gepäcksbänder stehen still. Die Autobahn zur Hauptstadt Mazedoniens: die Fahrbahn besser als das letzte Mal, kaum Autos unterwegs. Dann Skopje, eine typische Stadt des Balkan. Die Häuser meist vernachlässigt, die Straßen holprig und mit vielen Löchern, Autos – viele neue Modelle, fast wie in Wien – parken, wo und wie immer es möglich ist. Dann das neu gestaltete Zentrum, Fußgängerzone; Einige imposante Monumente mit hohem Symbolcharakter stechen ins Auge: die riesige Alexanderstatue direkt an der Vardar errichtet, gleich daneben ein noch nicht ganz fertig gestellter (Triumpf-) Bogen, nicht so groß wie der Arc an den Champs-Élysées, aber die Idee dahinter lässt kaum Zweifel offen. Daneben, nur wenige Schritte entfernt, das Gedenkhaus Mutter Teresas und einige erst jüngst fertig gestellte Shopping Malls. Vier Brücken über die Vardar werden renoviert, zumindest eine mit antiker Verzierung geschönt. Kein Zweifel, die mazedonische Hauptstadt hat sich seit meinem letzten Besuch vor sechs Jahren zum Besseren verändert, es wird gebaut, die Menschen bevölkern die Straßen, die Cafes und Gasthäuser sind meist gut besucht.

    In Tetova, der größten Stadt im albanischen Gebiet, nordwestlich von Skopje gelegen, ist der Verkehr nicht weniger dicht, die Autos vielleicht um eine Spur weniger klotzig, die Stadt insgesamt aber strahlt deutlich weniger wirtschaftlichen Aufschwung aus: Hier wurde offensichtlich in den letzten Jahren weniger investiert als in der Hauptstadt. Ansonsten ein reges geschäftliches Treiben, auffallend viele junge Menschen bevölkern die Straßen, alles auf etwas weniger gestyltem Niveau als in Skopje. Die Landschaft rundherum, nicht ohne Grund von Karl May – „Im Land der Skipetaren“ – als wild und romantisch beschrieben, ist von hohen Bergen, Schluchten und tief eingeschnittenen Flüssen bis hinunter zum Ohrid See durchsetzt, dazu wunderschöne Ebenen, die herrliches Gemüse und Obst verheißen. Das köstliche Gemüse, das wirklich viel besser als hier zu Lande schmeckt, bekommt man dann bei jedem Restaurantbesuch mit einigen lokalen Spezialitäten als Salatvorspeise serviert. Ohrid – das ist der Ort, an dem vor genau 10 Jahren das bekannte Abkommen zwischen der slawischen Mehrheitsbevölkerung und der immerhin knapp 25prozentigen albanischen Minderheit abgeschlossen wurde, das für eine echte Befriedung zwischen allen Ethnien bis heute gesorgt hat. Meine hauptsächlich albanisch sprechenden Studierenden, die ich an zwei Universitäten, der privat geführten South Eastern European University -SEE und der Staatlichen Universität mit Internationaler Politik jeweils an vier Tagen pro Woche quälen konnte, haben auf dieses Abkommen immer wieder hingewiesen, nicht ohne berechtigten Stolz.

    Was sie von mir wissen wollten? Immer wieder: Wann wird Mazedonien (oder FYROM ) Mitglied der EU werden, wann werden endlich die versprochenen Verhandlungen beginnen, der Kandidatenstatus wurde doch bereits 2005 gewährt, und jetzt? Auf Betreiben Griechenlands sollen Verhandlungen erst dann beginnen, wenn das Namensproblem aus der Welt geschafft ist – mit eben diesem Nachbarn, der befürchtet, Mazedonien könnte territoriale Ansprüche auf den griechischen Teil Mazedoniens stellen, obwohl dies in der Verfassung FYROMS im Nachhinein ausgeschlossen wurde. Und überhaupt, wedelt da nicht der Schwanz mit dem Hund? Ein Land, das gerade die Union in die wohl größte Krise ihrer auch sonst nicht gerade krisenfreien Geschichte treibe, kann die Aufnahme von Gesprächen verhindern? Keine überschäumende, aber eine gewisse Befriedigung über die Probleme, in die der nicht gerade geliebte Nachbar im Süden geschlittert ist, schimmert manchmal durch.

    Es ist vielleicht nur schwer verständlich, aber der überdimensionale Alexander auf dem Pferd in Skopje mit dem Schwert nach Süden weisend und übrigens auch der Name „Mazedonien“ ist den Albanern im Westen herzlich egal. Die Frage der „mazedonischen Identität“ des Landes scheint vorrangig bis ausschließlich ein Problem „der slawischen Mazedonier“ und der gegenwärtigen rechts-nationalen Regierung zu sein, aber mögliche Kompromisse für die Benennung des Landes sind bereits im Umlauf. Alle Teile der Bevölkerung eint aber eine Perspektive: sie alle wollen möglichst bald in die EU!

    Das Vertrauen der albanischen Minderheit in die gegenwärtige Regierung in Skopje, dass diese für mehr Investitionen auch im albanischen Teil des Landes und für mehr Wirtschaftskraft sorgen könnte, ist enden wollend. Aber sie stellen zu Recht auch fest, dass der moderate, nicht übermäßige Wirtschaftaufschwung, den das Land in den letzten Jahren erleben durfte und der auch im albanischen Teil erkennbar ist, durch die diversen globalen und EU-ropäischen Krisen der letzte Zeit nicht beeinträchtigt wurde, der geringe Grad der Einbindung in die Welt der Finanzmärkte hat doch auch hin und wieder etwas Gutes für sich. Aber längerfristig sehen sie ihre Zukunft in der EU – oder in engerer Verbindung mit der im Korridor zwischen Albanien und der Türkei auffallend aktiven USA.

    Und dann wären auch noch die „Revolutionen“ in Nord Afrika, im Nahen Osten, in ausschließlich muslimischen Ländern, denen das Interesse der mehrheitlich muslimischen jungen AlbanerInnen hier ebenso vehement gilt. Die anfängliche Euphorie ist inzwischen einer spürbaren Skepsis gewichen, ob die Wünsche vor allem der Jungen nach mehr Freiheit, Demokratie, Möglichkeiten zur Berufsausübung und etwas Wohlstand sich denn auch nach den kommenden Wahlen wirklich erfüllen werden? Auch hier im Westen Mazedoniens ist die zeitlich noch nicht allzu große Distanz zur frühen gesellschaftlichen Realität Jugoslawiens, die noch immer gegebene personelle und politische Konstanz im gegenwärtigen politischen System wohl zusätzlich ausschlaggebend für diese Besorgnis und das Interesse am längst ins Abseits geratenen „Frühling“ im Nördlichen Afrika und dem Nahen Osten: Den so hoffnungsfrohen Beginn hatte man begeistert verfolgt, und den so unsicher gewordenen Ausgang und die damit verbundenen Ängste kann man hier nur allzu gut nachvollziehen.

    Man merke: Ein Land, uns historisch, kulturell und geographisch so nahe und heute doch so anders, von unseren Problemen weit entfernt – aber die Hoffnungen und Sorgen der Jugendlichen, die Zukunft betreffend, sind nicht so ganz unähnlich denen bei uns. Und jedenfalls hoffen die Jugendlichen „da unten“ ganz stark auf die Solidarität von „denen da oben“. Zusammen, gemeinsam sollte es doch gelingen, was vor knapp einem Jahrhundert so kläglich und mit katastrophalen Konsequenzen gescheitert war: ein gemeinsames, friedliches und prosperierendes Europa zu gestalten, das den neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen kann und weiterhin als das Erfolgsmodell für andere Regionen weltweit wirkt.

    Otmar Höll
    Direktor
    November 2011

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