
Leitartikel des Newsletters 2/2011 als PDF
All jenen Freunden und Freundinnen des oiip, die in den letzten Monaten mit uns die Sorge um den Fortbestand des Instituts geteilt haben, möchte ich von hier aus erstens sehr herzlich danken und zweitens mitteilen, dass mit einiger Gewissheit das oiip wohl auch in Zukunft weiter bestehen wird.
In welcher Form genau steht aber vorerst nicht fest. In den fünfzehn Jahren, in denen ich das Institut nun leite, habe ich lernen müssen, dass mündlich „fixe“ Zusagen durchaus nicht eintreffen müssen, auch wenn sie von gewöhnlich „gut unterrichteten“ Kreisen oder mit administrativer oder politischer Kompetenz ausgestatteter Seite kommen. Mündliche Zusagen zum Fortbestand aus diesen Quellen liegen vor, Gewissheit haben wir noch nicht.
Das schmerzt nicht zuletzt deshalb, weil es insgesamt ein Zeugnis von Uninformiertheit, Desinteresse und verfehlter Einschätzung von der Seite jener darstellt, die für eine solide und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik zuständig und verantwortlich sind.
Schließlich hängt damit nicht nur die internationale Reputation, Präsenz und Konkurrenzfähigkeit der österreichischen Wissenschaft in einem immer wichtigeren sozialwissenschaftlichen Segment zusammen, der für eine stetig stärker zusammenwachsende, wenn auch fragmentierte Welt immer bedeutender wird: Internationale Politik, ihrer Transformationsdynamik, die Analyse mittel- bis langfristiger Trends und die kontinuierliche Beobachtung geopolitischer Entwicklungen sollten für ein kleines, aber wohlhabendes Land wie Österreich eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Sieht man, wie ich dies vier Tage lang tun konnte, dass bei einer der bedeutendsten internationalen wissenschaftlichen Konferenzen über Fragen der International Relations, die vom 16.-19. März in Montreal /Kanada stattfand, nur vier österreichische Wissenschaftler auf Panels vertreten waren, dann ist es ein fast unerträgliches Armutszeugnis für Österreich. Dies nicht zuletzt deshalb, weil dort von vergleichbaren europäischen Staaten (Skandinavien, Benelux, Irland etc.) jeweils die drei- bis vierfache Zahl an WissenschaftlerInnen aufgetreten ist.
Die österreichische Außen- und Sicherheitspolitik hätte sicher inhaltlich aus den vielen interessanten Panels und Workshops Gewinn ziehen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Formulierung österreichischer außenpolitischer Positionen einbringen können.
Ich möchte dieses kurze Editorial nicht beenden ohne auf zwei Ereignisse hingewiesen zu haben, die einmal mehr deutlich machen, welches Ausmaß die Interdependenz in diesem unseren gegenwärtigen Internationalen System angenommen hat und wie hoch die Unsicherheit betreffend zukünftiger Ereignisvorhersagen in diesem System ist.
Damit meine ich einerseits die Rebellionen, die Millionen von Menschen im Nahen Osten und Nordafrika zumeist im friedlichen Protest auf die Straßen gebracht haben, um gegen das Ende von Unterdrückung, gegen wirtschaftliche und soziale Unzulänglichkeiten und hohe Nahrungsmittelpreise zu demonstrieren. In den meisten Fällen, da sollten wir uns keine Illusionen machen, ist es allerdings fraglich, ob diese Bewegungen tatsächlich zu modernen demokratischen Systemen führen werden.
Andererseits möchte ich der Opfer der japanischen Erdbeben-, Tsunami – und Nuklearkatastrophe gedenken. Es ist schmerzhaft zu erleben wie ein Volk, das mehr als 65 Jahre zuvor durch das Trauma nuklearer Gewalt gegangen ist, in diesen Tagen und Wochen um seine Zukunft erneut bangen muss. Unser tiefstes Mitgefühl, das viele heute in Europa empfinden, sollte aber auch zu tatkräftiger Unterstützung führen, soweit sie von hier aus möglich ist. Für Österreich zeigen die Ereignisse von Threemile Island (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima, dass die Volksentscheidung vom 5. November 1978 mehr als richtig gewesen ist: die friedliche/gefährliche Nutzung der Nuklearenergie ist eine Illusion, die von Technologen, Managern und der Atomlobby weiter aufrecht erhalten wird. Jedes neu errichtete nukleare Werk erhöht die Unsicherheit nicht nur der umliegenden Bevölkerung, sondern von uns allen.
Die Politik wäre gut beraten, aus den Katastrophen endlich die einzig vertretbare Konsequenz zu ziehen: Den möglichst raschen Ausstieg aus diesem nicht wirklich kontrollierbaren Energieträger voranzutreiben und die enormen Investitionen und exorbitanten Kosten in den raschen Fortschritt alternativer Energieformen um zu leiten.
Otmar Höll
Direktor