{"id":2295,"date":"2019-10-09T11:07:36","date_gmt":"2019-10-09T09:07:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.at\/?p=2295"},"modified":"2019-10-09T11:07:36","modified_gmt":"2019-10-09T09:07:36","slug":"keine-frauendomaene-sicherheitspolitik-aus-der-geschlechterperspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/keine-frauendomaene-sicherheitspolitik-aus-der-geschlechterperspektive\/","title":{"rendered":"Keine Frauendom\u00e4ne: Sicherheitspolitik aus der Geschlechterperspektive"},"content":{"rendered":"<p class=\"storylabels\"><strong>Junge-Akademie-Blog<\/strong><br \/>\n<strong>Keine Frauendom\u00e4ne: Sicherheitspolitik aus der Geschlechterperspektive<\/strong><br \/>\n<strong>Sicherheit, Krieg und Frieden sind m\u00e4nnerdominiert. Es fehlt an gendersensitiven Betrachtungen<\/strong><br \/>\n<strong>Blog von Saskia Stachowitsch<\/strong><\/p>\n<p>N\u00e4chstes Jahr ist es bereits 20 Jahre her, dass der Sicherheitsrat der Uno die Resolution 1325 beschlossen hat. Diese verpflichtet die Mitgliedstaaten, die unterschiedlichen Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Frauen und M\u00e4nner sowie die wesentliche Rolle von Frauen in Friedensprozessen zu ber\u00fccksichtigen. Fragen von Geschlecht, Gleichstellung und Frauenrechten wurden damit als zentral f\u00fcr die Erreichung dauerhaften Friedens und nachhaltiger Sicherheit definiert. Die \u00f6sterreichische Bundesregierung beschloss 2007 den ersten Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolution, und unter dem \u00f6sterreichischen Ratsvorsitz hat die Europ\u00e4ische Union Ende 2018 die St\u00e4rkung der Partizipation und des Schutzes von Frauen in allen Phasen von Friedensbem\u00fchungen der EU beschlossen. Auf Basis von UNSCR1325 bekennen sich L\u00e4nder wie Schweden und Kanada sogar zu einer &#34;Feminist Foreign Policy&#34;.<\/p>\n<p><strong>Gendersensitiver Blick auf Sicherheit und Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Die Politik hat hier auf internationaler und nationaler Ebene vielfach mutige Akzente gesetzt, auch wenn die Umsetzung oftmals noch zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst. In der Forschung zu internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik gilt es dennoch bis heute als ungew\u00f6hnlich, Geschlecht und Sicherheit zusammenzudenken und eine Geschlechterperspektive auf die &#34;gro\u00dfen Themen&#34; der Disziplin einzunehmen. Dies liegt an einer Verengung des Blickwinkels, der nach wie vor auf die Sicherheit von Staaten fokussiert.<\/p>\n<p data-section-type=\"image\" data-position=\"center\" data-size=\"medium\">\n<div><\/div>\n<p>Eine gendersensitive Betrachtungsweise von Sicherheit, bewaffneten Konflikten, Krieg und Frieden geht hingegen andere Wege, weg von der verbreiteten Staats- und Institutionenzentriertheit und hin zu einem umfassenden Sicherheitsbegriff, der beispielsweise auch soziale und \u00f6kologische Faktoren mitber\u00fccksichtigt. Ein solcher Zugang hat in erster Linie die Sicherheit von Individuen, Frauen und M\u00e4nnern im Blick und kann so ihre oftmals unterschiedliche Betroffenheit von Sicherheitsma\u00dfnahmen untersuchen. Dabei wird deutlich, dass nationale und internationale Sicherheitspolitik gleichzeitig immer auch Unsicherheit konstituiert. Nicht selten geht eine Erh\u00f6hung der Sicherheit f\u00fcr staatliche Akteure n\u00e4mlich mit einer Verringerung jener von Frauen und marginalisierten Gruppen einher.<\/p>\n<p>So f\u00fchrt milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung meist zu Sozialabbau und kann zudem die Arbeitsmarktpartizipation von Frauen negativ beeinflussen. Aber auch die immer wiederkehrenden F\u00e4lle von sexuellen \u00dcbergriffen durch UN-Peacekeeping-Truppen auf die lokale Bev\u00f6lkerung machen die Ambivalenz von Sicherheitsma\u00dfnahmen deutlich. Die tats\u00e4chlichen Auswirkungen k\u00f6nnen daher ohne eine Inklusion der allt\u00e4glichen Sicherheitsbed\u00fcrfnisse von Frauen nicht erfasst werden.<\/p>\n<p><strong>M\u00e4nnerdom\u00e4nen<\/strong><\/p>\n<p>Diese Erkenntnisse sind keineswegs nur Subthemen von gr\u00f6\u00dferen sicherheitspolitischen Fragen, sie ver\u00e4ndern vielmehr grunds\u00e4tzlich die Art, wie diese Fragen gedacht und angegangen werden. Sie stellen zur Diskussion, ob Institutionen und Milit\u00e4rapparate \u00fcberhaupt in der Lage sind, die spezifischen Sicherheitsbed\u00fcrfnisse von Frauen in Einsatzgebieten zu erkennen und entsprechend zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist die Erh\u00f6hung des Frauenanteils in diesen Institutionen wichtig, aber nicht ausreichend. Zus\u00e4tzlich muss spezifisches Genderwissen aufgebaut und implementiert werden, und es braucht neben institutionellen und strukturellen Ma\u00dfnahmen auch eine Reflexion institutioneller Kulturen und deren Verkn\u00fcpfung mit geschlechtsspezifischen Stereotypen, also mit Vorstellungen dar\u00fcber, wie M\u00e4nner und Frauen sind beziehungsweise sein sollen und was sie (nicht) k\u00f6nnen. Besonders der Bereich Sicherheit ist nicht nur physisch m\u00e4nnerdominiert, sondern auch in unseren K\u00f6pfen stark mit M\u00e4nnlichkeit verkn\u00fcpft. Dies dr\u00fcckt sich unter anderem darin aus, dass Frauen in sicherheitspolitischen Fragen als weniger kompetent wahrgenommen werden und ihre individuelle Sicherheit als weniger relevant beurteilt wird.<\/p>\n<p><strong>Frauen unterrepr\u00e4sentiert<\/strong><\/p>\n<p>Ein an der Universit\u00e4t Wien durchgef\u00fchrtes Forschungsprojekt zeigt diese vielf\u00e4ltigen Verkn\u00fcpfungen von Geschlecht und Sicherheit am Beispiel der Auslagerung von Aufgaben in der milit\u00e4rischen Sicherheit an private Sicherheits- und Milit\u00e4rfirmen (PMSCs). Dieser Privatisierungsprozess verst\u00e4rkt vielfach die ungleichen Geschlechterverh\u00e4ltnisse in einem ohnehin m\u00e4nnlich dominierten Bereich. Frauen sind in der Sicherheitsindustrie mitunter noch mehr unterrepr\u00e4sentiert als in staatlichen Sicherheits- und Verteidigungsinstitutionen. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass PMSCs in erster Linie ihre Mitarbeiter aus jenen Teilen des staatlichen Milit\u00e4rs rekrutieren, in denen Frauen entweder formal ausgeschlossen oder extrem unterrepr\u00e4sentiert sind, wie der Infanterie oder Spezialeinheiten. Au\u00dferdem greifen Gleichstellungspolitiken, die im staatlichen Milit\u00e4r zu einem gewissen Grad verankert sind, im relativ unregulierten privaten Bereich kaum. Die M\u00f6glichkeiten, F\u00e4lle von geschlechtsspezifischer Gewalt im Einsatzgebiet zu ahnden, sind ebenfalls eingeschr\u00e4nkt, wenn die T\u00e4ter S\u00f6ldner sind.<br \/>\nNeben diesen institutionellen und rechtlichen Fragen sind auch die Auswirkungen von milit\u00e4rischer Privatisierung auf kulturelle Vorstellungen, M\u00e4nnlichkeitsideale und den Sicherheitsbegriff an sich zu bedenken. Denn Sicherheitsfirmen bedienen sich Bilder des harten, m\u00e4nnlichen Besch\u00fctzers, um ihre Dienste zu bewerben; M\u00e4nnlichkeit wird zum Marketing-Instrument. Frauen werden in diesen Rollen immer undenkbarer, da Firmen oftmals \u00fcberzeugt sind, dass sie auf dem Sicherheitsmarkt nicht vermittelbar sind, obwohl sie deren F\u00e4higkeiten keineswegs infrage stellen.<\/p>\n<p>Als marktvermitteltes Gut wird Sicherheit somit wieder vermehrt als maskulinisierte, militarisierte Dom\u00e4ne definiert. Konzepte wie umfassende Sicherheit geraten durch den Fokus auf die Sicherheit von Auftraggebern, also in erster Linie von Staaten, Unternehmen und wohlhabenden Privatpersonen, ins Hintertreffen. Privatisierung beeinflusst somit den Sicherheitsbegriff und die Art, wie dieser mit Geschlechterstereotypen zusammengedacht wird. Neben den Debatten \u00fcber die Auswirkungen von Privatisierung auf Demokratiequalit\u00e4t, Rechtsstaatlichkeit und staatliches Gewaltmonopol gilt es daher, diesen Prozess auch auf seine geschlechtsspezifischen Implikationen hin zu \u00fcberpr\u00fcfen und stets zu fragen, wessen Sicherheit davon wie betroffen ist und wie die Antworten auf diese Fragen mit Gleichstellung vereinbar sind. (Saskia Stachowitsch, 9.10.2019)<\/p>\n<aside data-section-type=\"supplemental\" data-type=\"supplemental\">\n<div>\n<p><strong>Saskia Stachowitsch<\/strong> ist Professorin f\u00fcr Internationale Politik am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Universit\u00e4t Wien und Direktorin des \u00d6sterreichischen Instituts f\u00fcr Internationale Politik (oiip). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlecht, Milit\u00e4r und Sicherheit, Privatisierung von Sicherheit, EU-Grenzsicherheit sowie feministische und postkoloniale Theorien der internationalen Beziehungen. Sie wurde 2018 zum Mitglied der Jungen Akademie gew\u00e4hlt.Veranstaltungshinweis: <a href=\"https:\/\/www.oiip.at\/events\/militarization-needs-patriarchy-the-brewing-of-a-toxic-mix\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Am 10. Oktober spricht Cynthia Enloe von der Clark University am oiip<\/a> \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge von Militarisierung und Patriarchat.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000109354527\/keine-frauendomaene-sicherheitspolitik-aus-der-geschlechterperspektive\">Link zum Artikel<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/aside>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge-Akademie-Blog Keine Frauendom\u00e4ne: Sicherheitspolitik aus der Geschlechterperspektive Sicherheit, Krieg und Frieden sind m\u00e4nnerdominiert. Es fehlt an gendersensitiven Betrachtungen Blog von Saskia Stachowitsch N\u00e4chstes Jahr ist es bereits 20 Jahre her, dass der Sicherheitsrat der Uno die Resolution 1325 beschlossen hat. 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