{"id":2794,"date":"2020-03-29T11:25:47","date_gmt":"2020-03-29T09:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/?p=2794"},"modified":"2020-04-15T11:27:56","modified_gmt":"2020-04-15T09:27:56","slug":"die-neue-seidenstrasse-der-gesundheit-fuehrt-von-peking-nach-rom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/die-neue-seidenstrasse-der-gesundheit-fuehrt-von-peking-nach-rom\/","title":{"rendered":"Die neue &#34;Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34; f\u00fchrt von Peking nach Rom"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wiener Zeitung<\/strong><br \/>\n<strong>29. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die neue &#34;Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34; f\u00fchrt von Peking nach Rom<\/strong><\/p>\n<p>von Faruk Ajeti und Kristina Spohr<\/p>\n<p><span class=\"article-subtitle\">Was der Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie mit Chinas knallharter Wirtschaftspolitik zu tun hat.<\/span><\/p>\n<p>Im Jahr 2013 pr\u00e4sentierte der chinesische Pr\u00e4sident Xi Jinping durch seine Reden in Astana und in Jakarta zum ersten Mal seine Vision einer &#34;Neuen Seidenstra\u00dfe&#34; (&#34;Belt and Road Initiative&#34;). Hinter diesem Euphemismus stand die Wiederbelebung der historischen, mehrere Kontinente umspannenden Seidenstra\u00dfe, die seit 200 v. Chr. das Reich der Mitte mit dem alten Rom verbunden hatte. Xis Gro\u00dfprojekt f\u00fcr das 21. Jahrhundert &#8211; einen neuen, von China dominierten Wirtschaftsraum zu schaffen, in dem eurasische und afrikanische Staaten auf dem Land- (Belt) und Seeweg (Road) eng verbunden werden &#8211; steht f\u00fcr die Erf\u00fcllung zahlreicher chinesischer Ambitionen geo\u00f6konomischer und geostrategischer Natur.<\/p>\n<p>Die gigantischen interkontinentalen Handels- und Infrastruktur-Netze, die Peking inzwischen auf die Beine gestellt hat, umfassen 68 Staaten: asiatische, afrikanische und europ\u00e4ische. F\u00fcr den Bau von Br\u00fccken und Stra\u00dfen, Eisen- und Autobahnen, Flug- und Seeh\u00e4fen versprach Pr\u00e4sident Xi im Jahr 2015 ganze 900 Milliarden Dollar an Investitionen. Parallel zur Umsetzung dieser Bauprojekten im Rahmen der &#34;Neuen Seidenstra\u00dfe&#34; lancierte die chinesische Regierung au\u00dferdem weitere &#34;Seidenstra\u00dfen&#34;-Projekte: eine &#34;digitale Seidenstra\u00dfe&#34;, eine &#34;polare Seidenstra\u00dfe&#34; und eine &#34;Weltraum-Seidenstra\u00dfe&#34;. Tats\u00e4chlich sind all diese &#34;Seidenstra\u00dfen&#34; Bestandteil der &#34;Neuen Seidenstra\u00dfe&#34;.<\/p>\n<p>Die &#34;Neue Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34;<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang muss auch das starke neueste Vorpreschen Chinas nach Europa verstanden werden, wobei es nicht nur rein um Altruismus geht, sondern auch um Machtpolitik. Nach dem Ausbruch von Covid-19 in der chinesischen Stadt Wuhan breitete sichdie Pandemie rapide auf der ganzen Welt aus. Die anf\u00e4ngliche Vertuschung dessen, was in Wuhan geschah, und das harte Vorgehen der Regierung gegen die Whistleblower, halfen bei der Eind\u00e4mmung nicht. In Europa sind dabei Italien und Spanien die bisher am st\u00e4rksten betroffenen L\u00e4nder. Als &#34;Epizentrum der Pandemie&#34; hat zuerst Italien bei der Anzahl von Corona-Toten China sogar \u00fcberholt. Nachdem sich anf\u00e4nglich die jeweiligen EU-Staaten vor allem auf sich selbst konzentrierten und Rom in der Corona-Krise seinem Schicksal selbst \u00fcberlassen wurde, kam die neuerlich pl\u00f6tzliche gro\u00dfz\u00fcgige Hilfe (in der Form von Lieferungen von zigtausenden Beatmungsger\u00e4ten, Schutzbekleidung und -masken, und Medikamenten) aus dem entfernten China &#8211; wo die einheimische Corona-Infektionen inzwischen auf null zur\u00fcckgegangen zu sein scheinen &#8211; zum perfekten Zeitpunkt. Dabei machte die chinesische staatliche Nachrichtenagentur Xinhua keinen Hehl aus Chinas eigentlichen Interessen. Sie proklamierte schlicht und trocken: &#34;Wenn Handschl\u00e4ge in Europa nicht mehr gelten, kann Chinas helfende Hand einen Unterschied machen&#34;, und spielte so auf die scheinbar mangelnde Solidarit\u00e4t der EU mit Italien an.<\/p>\n<p>Es ist eine bittere Ironie, dass laut westlichen Medienberichten einer der Gr\u00fcnde, warum Italien so schwer von der Corona-Krise betroffen ist, neben der disproportional hohen Quote von \u00fcber 65-j\u00e4hrigen (mit fast 14 Millionen knapp ein Viertel der italienischen Gesamtbev\u00f6lkerung) auch die gro\u00dfe Anzahl chinesischer Gastarbeiter in Nord-Italien (zirka 90.000) war. Diese importierten n\u00e4mlich, so wird vermutet, das Virus Anfang des Jahres infolge ihres Heimaturlaubs zum chinesischen Neujahrsfest nach Italien. Abgesehen davon, dass dies ganz nat\u00fcrlich ein Nebeneffekt der Globalisierung ist, sollte man dennoch die Frage stellen, was die europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t &#8211; sch\u00f6n in EU-Akten niedergeschrieben &#8211; nicht nur f\u00fcr Italien, sondern auch f\u00fcr alle anderen EU-Mitgliedstaaten in Zukunft bedeuten kann und soll. Schlie\u00dflich ist Solidarit\u00e4t in Krisenzeiten wichtiger denn je.<\/p>\n<p>Marco Polo wird nicht mehr der Einzige sein, der Italien mit China verbindet<\/p>\n<p>Als Italien &#8211; als erstes Land der G7-Industriestaaten &#8211; sich offiziell im M\u00e4rz 2019 Chinas &#34;Neuer Seidenstra\u00dfe&#34; anschloss, wurde es von den gro\u00dfen EU-Staaten lautstark kritisiert, weil sie bef\u00fcrchteten, China k\u00f6nne einen Keil zwischen die EU-Mitglieder treiben. Nun steht dies wieder akut auf der Tagesordnung. Denn auch in der Corona-Krise verfolgt die Regierung in Peking ihre geostrategischen Ziele unbeirrt. Wie sagte Pr\u00e4sident Xi am 16. M\u00e4rz 2020 w\u00e4hrend eines Telefongespr\u00e4chs mit dem italienischen Ministerpr\u00e4sident Giuseppe Conte: Ihre beiden L\u00e4nder seien die &#34;Grundpfeiler f\u00fcr eine neue Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34; (&#34;Health Silk Road&#34;).<\/p>\n<p>Wenn die Corona-Krise &#8211; fr\u00fcher oder sp\u00e4ter &#8211; vorbei ist, werden viele Dinge in der europ\u00e4ischen und globalen Politik anders aussehen. Die Europ\u00e4er sollten sich dann nicht wundern, falls die neue &#34;Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34; von China nach Rom mit dem Namen von Marco Polo benannt w\u00fcrde. Was ist dann mit der Anbindung Roms an Br\u00fcssel? Wird Rom zuk\u00fcnftig mehr nach Peking und weniger nach Br\u00fcssel schauen?<\/p>\n<p>Dies ist eine ernste Stunde f\u00fcr die EU und es muss die &#34;Stunde Europas&#34; sein. Dabei ist dieser Ausdruck vorbelastet und tragisch verbunden mit der \u00c4u\u00dferung des damaligen europ\u00e4ischen Ratspr\u00e4sidenten Jacques Poos 1991 in Bezug auf die Krise auf dem Balkan &#8211; einer Aussage, die mit dem Versagen der EG, eine einheitliche europ\u00e4ische Au\u00dfenpolitik zu betreiben, endete, da sie es nicht schaffte die blutige Implosion Jugoslawiens und die nachfolgenden Kriege zu verhindern.<\/p>\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr aus China vor 700 Jahren wurden Marco Polos Reisenotizen unter dem Buchtitel &#34;Die Wunder der Welt&#34; ver\u00f6ffentlicht. Dies er\u00f6ffnete einen ersten Blick in das f\u00fcr die Europ\u00e4er bisher v\u00f6llig unbekannte Asien. So nannte auch Henry Kissinger 1971 seine erste geheime diplomatische Mission in das fremde, kommunistische China &#34;Polo 1&#34;. Eine der meistgestellten Fragen in der Zeit der Coronavirus-Pandemie ist, wie das internationale System nach dieser schweren weltweiten Gesundheitskrise und der erwarteten globalen Rezession aussehen wird. Werden es die &#34;Seidenstra\u00dfen&#34; Chinas sein, mit denen Peking die Welt ma\u00dfgeblich mit neu ordnet?<\/p>\n<p>Faruk Ajeti ist Visiting Scholar an der Johns Hopkins University in Washington (D.C.) und Affiliated Researcher am \u00d6sterreichischen Institut f\u00fcr internationale Politik in Wien. &#8211; \u00a9 www.oiip.ac.at<\/p>\n<p>Kristina Spohr lehrt internationale Geschichte an der SAIS-Johns Hopkins University in Washington (D.C.) und der London School of Economics. Im Oktober 2019 erschien von ihr bei der DVA: &#34;Wendezeit &#8211; Die Neuordnung der Welt nach 1989&#34;. &#8211; \u00a9 www.kristina-spohr.com\/Muir Vidler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiener Zeitung 29. M\u00e4rz 2020 Die neue &#34;Seidenstra\u00dfe der Gesundheit&#34; f\u00fchrt von Peking nach Rom von Faruk Ajeti und Kristina Spohr Was der Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie mit Chinas knallharter Wirtschaftspolitik zu tun hat. Im Jahr 2013 pr\u00e4sentierte der chinesische Pr\u00e4sident Xi Jinping durch seine Reden in Astana und in Jakarta zum ersten Mal seine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2794","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2794"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2797,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2794\/revisions\/2797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}