{"id":3073,"date":"2020-06-26T10:08:21","date_gmt":"2020-06-26T08:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/?p=3073"},"modified":"2020-07-08T10:09:57","modified_gmt":"2020-07-08T08:09:57","slug":"krieg-der-zukunft-den-algorithmen-die-waffen-entziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/krieg-der-zukunft-den-algorithmen-die-waffen-entziehen\/","title":{"rendered":"Krieg der Zukunft: Den Algorithmen die Waffen entziehen"},"content":{"rendered":"<p>Der Standard<br \/>\n26. Juni 2020<\/p>\n<p class=\"article-kicker\">PODCAST EDITION ZUKUNFT:<br \/>\n<strong>Krieg der Zukunft: Den Algorithmen die Waffen entziehen<br \/>\n<\/strong><em>Interview von Fabian Sommavilla<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div class=\"article-header\">\n<header>\n<p class=\"article-subtitle\">Eine EU-Armee kommt bis 2050. Das glauben Generalmajor Johann Frank vom Institut f\u00fcr Friedenssicherung und Konfliktmanagement und Saskia Stachowitsch vom \u00d6sterreichischen Institut f\u00fcr Internationale Politik<\/p>\n<div class=\"storylabels\">\n<p>Seit Menschengedenken f\u00fchren wir Krieg gegeneinander. Obwohl die Gr\u00fcnde oft dieselben blieben, haben sich die Mittel gewandelt. W\u00e4hrend \u00d6sterreichs Landesverteidigung minimiert und auf Cyberdefence sowie Katastrophenschutz reduziert werden soll, schreitet die Modernisierung vieler Streitkr\u00e4fte mit Milliardeninvestitionen voran. Aber wie sieht er aus, der Krieg von morgen? Generalmajor Johann Frank vom\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundesheer.at\/organisation\/beitraege\/lvak\/ifk\/ifk.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Institut f\u00fcr Friedenssicherung und Konfliktmanagement<\/a>\u00a0(IFK) sowie Saskia Stachowitsch vom\u00a0<a href=\"https:\/\/www.oiip.ac.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00d6sterreichischen Institut f\u00fcr Internationale Politik<\/a> (OIIP) wagen den Blick durch das Visier.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Der Krieg der Zukunft wird im Cyberspace und im Weltraum gef\u00fchrt werden. Nicht Soldaten, sondern Algorithmen werden die Entscheidung \u00fcber Angriff oder nicht treffen. Und trotzdem sieht man weltweit immer noch viele Konflikte, die mit konventioneller Gewalt, mit Schusswaffen und Panzern gef\u00fchrt werden. Wird das klassische Blutvergie\u00dfen am Boden nie aufh\u00f6ren?<\/p>\n<p><strong>Frank:\u00a0<\/strong>Der Krieg der Zukunft wird zwei Elemente haben. Konstant werden die Kriegsursachen bleiben, sie sind seit langer Zeit dieselben: Machtinteressen, Ressourcen, Anerkennung. Was sich \u00e4ndern wird, ist die Art und Weise, wie Konflikte ausgetragen werden. Der Krieg ist ein Cham\u00e4leon und wird sich an die jeweiligen gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen anpassen. Wir sehen derzeit drei Ebenen: Auf der global-strategischen ist ein sich versch\u00e4rfender Systemkonflikt zwischen den USA und China zu beobachten. Wir sprechen dabei von einer konfrontativen Multipolarit\u00e4t. Das ist insofern gef\u00e4hrlich, weil bei \u00e4hnlichen historischen Konstellationen, als eine neue Macht aufstieg und eine alte etablierte herausforderte, es in zw\u00f6lf von 16 F\u00e4llen zu einem bewaffneten Konflikt gekommen ist. Die zweite Ebene ist jene der neuen Kriege, der B\u00fcrgerkriege, etwa der Kriseng\u00fcrtel von Westafrika bis in den Nahen Osten hinein. Die f\u00fcr \u00d6sterreich und Europa entscheidende Ebene ist die dritte \u2013 die hybriden Kriege. Hybride Konflikte inkludieren aber stets die M\u00f6glichkeit, auf konventionelle milit\u00e4rische Mittel zur\u00fcckzugreifen, wie wir es zuletzt in der Ukraine gesehen haben.<\/p>\n<p><strong>STANDARD:\u00a0<\/strong>Was kommt in Sachen Cyberkrieg und hybride Kriegsf\u00fchrung auf uns zu?<\/p>\n<p><strong>Frank:<\/strong>\u00a0In unserem Verst\u00e4ndnis ist ein hybrider Krieg ein gezielter Angriff auf die liberal-westlichen Gesellschaften unter ganz gezielter Nutzung und Kombination unterschiedlicher Ma\u00dfnahmen und Mittel. Die m\u00fcssen in der ersten Phase nicht prim\u00e4r milit\u00e4risch sein, sondern kommen aus dem Informations-, Wirtschafts- oder Technologiebereich \u2013 alles stets bewusst unterhalb der Schwelle eines Krieges, mit dem Hauptziel, das Denken der Menschen zu beeinflussen. Im Idealfall muss man zum offensiven Kampfmitteleinsatz gar nicht mehr fortschreiten.<\/p>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Wurde die EU in diesem Rennen l\u00e4ngst von den gro\u00dfen Playern abgeh\u00e4ngt?<\/p>\n<p><strong>Stachowitsch:\u00a0<\/strong>Gott sei Dank befinden wir uns nicht mehr in der Zeit des Kalten Krieges, wo Verteidigungspolitik ein Wettbewerb war. Daher ist die Metapher vom &#34;Abh\u00e4ngen&#34; wahrscheinlich nicht so gl\u00fccklich, nur weil einer mehr investiert als der andere. Nat\u00fcrlich soll die EU eine Rolle in bewaffneten Konflikten spielen \u2013 das tut sie auch. Die politische Frage ist aber: Welche Rolle soll die EU in welchen Konflikten spielen? Und welche Art von Mitteln ist notwendig? Die EU hat relativ gro\u00dfe Probleme, eine gemeinsame au\u00dfen- und sicherheitspolitische Linie zu finden.<\/p>\n<p><em>Stachowitsch spricht in der Folge davon, dass man erst die innere Zerrissenheit \u00fcberwinden m\u00fcsse, bevor man die konkrete Zusammenarbeit oder die Ausr\u00fcstung eines etwaigen gemeinsamen Heeres planen k\u00f6nne. Helfen k\u00f6nne, dass Staaten bereits heute im Kleinen strukturiert zusammenarbeiten. Laut Generalmajor Frank wird die EU im Rahmen der globalen Player manchmal als &#34;der einzige Vegetarier unter den Fleischfressern&#34; gesehen. Um Ordnung und Stabilit\u00e4t in den Nachbarregionen zu wahren und die Europ\u00e4er besser zu sch\u00fctzen, seien definitiv gro\u00dfe Anstrengungen n\u00f6tig.<\/em><\/p>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Welchen besonderen Beitrag k\u00f6nnte \u00d6sterreich zu einer EU-Armee leisten?<\/p>\n<p><strong>Frank:<\/strong>\u00a0Gewisse St\u00e4rken liegen auf der Hand, etwa die friedenserhaltenden Missionen im Ausland, in der ABC-Abwehr atomarer, biologischer und chemischer Waffen haben wir eine sehr leistungsf\u00e4hige Truppe \u2013 oder auch in der Gebirgskampfausbildung. Aus sicherheitspolitischer, strategischer und wirtschaftlicher Sicht w\u00fcrde solch ein Projekt Sinn machen. Es w\u00e4re effizienter, Ressourcen zusammenzulegen. Politisch halte ich es kurz- und mittelfristig f\u00fcr unwahrscheinlich. In einer Perspektive bis 2050 bin ich aber lieber ein Optimist und glaube, dass wir bis dahin einen gro\u00dfen Schritt Richtung EU-Armee gemacht haben werden.<\/p>\n<p><strong>Stachowitsch:\u00a0<\/strong>Es kommt darauf an, was &#34;gemeinsam&#34; bedeutet. Wird es eine Institution geben, die die Milit\u00e4rapparate in den Nationalstaaten ersetzt, oder geht es in Richtung Frontex? Auch da hie\u00df es immer, eine Europ\u00e4isierung des Grenzschutzes werde nicht funktionieren, weil diese Thematik viel zu stark an den nationalen Interessen kratze. Egal wie man zu Frontex steht, muss man sagen, dass das enorme Wachstum und der st\u00e4rkere politische Einfluss von Frontex zeigen, dass dies ein EU-Erfolgsmodell darstellt. Wenn man sich nun \u00c4hnliches im milit\u00e4rischen oder Verteidigungsbereich vorstellt, dann ist es schon durchaus realistisch.<\/p>\n<p><em>Beim Thema Privatisierung der Sicherheitsindustrie habe sich in den vergangenen Jahren klar gezeigt, &#34;welche Probleme daraus erwachsen k\u00f6nnen&#34;, wenn nicht nur rein logistische Aufgaben an Subunternehmen abgegeben werden, stellt Stachowitsch fest. Daraus habe man die richtigen Lektionen gelernt. Der Einfluss sei aber definitiv im Wachsen, und wenn Sicherheit nur als Ware und nicht als gesellschaftliches Gut verstanden werde, sei Vorsicht geboten.<\/em><\/p>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Der US-R\u00fcstungsriese Lockheed Martin veranstaltet eine weltweite Drohnenrennserie. Z\u00fcchten sich die gerade die Soldaten der Zukunft heran?<\/p>\n<p><strong>Stachowitsch:\u00a0<\/strong>Diese Kultur der Militarisierung der Unterhaltung, der Freizeit oder des Sports kennen wir hierzulande zu wenig. Mit einer starken zivilpolitischen und antimilitaristischen Position wirkt das f\u00fcr uns abschreckend \u2013 wie ich glaube, aus gutem Grund. In vielen Bereichen haben Jugendliche heute aber durch ihre Freizeitgestaltung Vorteile am Arbeitsmarkt gegen\u00fcber \u00c4lteren. Schnelle Entscheidungen in komplexen Situationen kann ich aber genauso gut im Mannschaftssport erlernen.<\/p>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Wie garantieren wir, dass Menschen die letzte Entscheidung \u00fcber eine T\u00f6tung f\u00e4llen und keine Algorithmen?<\/p>\n<p><strong>Frank:<\/strong>\u00a0Vollautonome Waffensysteme, die von der Zielauswahl \u00fcber das Abfeuern bis zur Analyse des Ergebnisses alles ohne menschliches Zutun ausf\u00fchren, halte ich pers\u00f6nlich f\u00fcr eine der kritischsten Entwicklungen. Wir sind noch nicht dort, und es wird sehr h\u00e4ufig mit Drohnen verwechselt. Deren Technologie ist aber teils zehn bis zw\u00f6lf Jahre alt. Hinter der Entscheidung \u00fcber Leben und Tod muss aber immer ein Mensch stehen, der diese mit seinem Gewissen zu vereinbaren hat. Es w\u00e4re ein massiver Versto\u00df gegen die Menschenw\u00fcrde, wenn wir das T\u00f6ten einem Algorithmus \u00fcberlassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><em>Frank spricht davon, dass k\u00fcnftige Waffensysteme die Hemmschwelle zum T\u00f6ten noch weiter senken k\u00f6nnten. Man kann dem aber unter anderem entgegenwirken, indem man sogenannte &#34;Joystick-Soldaten&#34; nicht tausende Kilometer entfernt in Bunkern einsperrt, sondern tats\u00e4chlich am Kriegsschauplatz einsetzt, so Frank. Das wirke der Abstumpfung entgegen. Die psychologischen Folgen und posttraumatischen Verhaltensst\u00f6rungen seien aber keinesfalls zu untersch\u00e4tzen. Vollautonome Waffen sollten nach M\u00f6glichkeit verboten werden, fordert der Generalmajor.<\/em><\/p>\n<p><strong>Stachowitsch:<\/strong>\u00a0Die Distanziertheit in der Kriegsf\u00fchrung besch\u00e4ftigt uns nicht erst, seit die Technologie so gro\u00dfe Spr\u00fcnge macht. Wir haben eine Tendenz, den Krieg der Vergangenheit zu stilisieren als etwas, wo man sich &#34;Mann gegen Mann&#34; am Schlachtfeld gegen\u00fcbergestanden ist. Der Prozess, der eine Distanzierung eingeleitet hat, ist schon sehr alt \u2013 Stichwort Kampfjets und \u00c4hnliches. Wir haben im Umgang mit dieser Frage eigentlich schon viel Erfahrung. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den alten nationalstaatlichen Territorialkriegen. Die Milit\u00e4rgeschichtsschreibung hat sich sehr darauf konzentriert, deshalb haben wir oft den \u00dcberblick verloren, wie viele hybride, &#34;messy conflicts&#34; es in der Geschichte immer schon gegeben hat.<\/p>\n<p><em>Stachowitsch kritisiert auch die fehlende Einbindung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen in das Konfliktmanagement und in Post-Konflikt-Szenarien. Sie glaubt nicht, dass ein diverseres Milit\u00e4r per se ein Heilmittel w\u00e4re, &#34;um Milit\u00e4rapparate menschenrechtsvertr\u00e4glicher, demokratischer oder inklusiver zu gestalten&#34;. Nat\u00fcrlich k\u00f6nne dadurch aber ein anderer Blick auf Sicherheitspolitik geworfen werden. Es brauche aber zwingend auch den Willen der Organisationen. Zumindest dieser Wille ist bei Generalmajor Frank erkenntlich, der die relativ niedrige Frauenquote von vier Prozent im \u00f6sterreichischen Bundesheer sehr gerne steigern w\u00fcrde: &#34;Das ist zu wenig.&#34; Gemischte Einsatzteams w\u00fcrden besser funktionieren. Es gehe schrittweise, aber zu langsam in die richtige Richtung, so Frank.<\/em><\/p>\n<p><strong>STANDARD:<\/strong>\u00a0Wie sieht das perfekte Milit\u00e4r im Jahr 2050 aus, und wie werden die Milit\u00e4rs der Welt tats\u00e4chlich aussehen?<\/p>\n<p><strong>Frank:<\/strong>\u00a0Es wird ein Mix aus traditionellen Milit\u00e4rstrukturen und neuen Technologieentwicklungen sein, die wir heute noch gar nicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Es ist aber nat\u00fcrlich ein Unterschied, ob es nur um die Entwicklung von Prototypen geht oder ob man moderne Technologien strukturell in die Organisation integriert hat. Bis ein entwickeltes und getestetes System eingef\u00fchrt ist, dauert es mindestens zehn bis 15 Jahre. Das Wichtigste, das ich bei Gespr\u00e4chen \u00fcber die Zukunft gelernt habe: Es ist von der Ambition her schon ganz gut, nicht ganz falsch zu liegen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir Streitkr\u00e4fte in einer solchen Glaubw\u00fcrdigkeit und Leistungsf\u00e4higkeit haben, dass es nicht zur F\u00fchrung von gro\u00dfen Kriegen kommt.<\/p>\n<p><strong>Stachowitsch:<\/strong> Ich denke, das Milit\u00e4r wird auf jeden Fall einen Prozess der Europ\u00e4isierung durchmachen. Es wird hoffentlich eines sein, das der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet ist und im engen Austausch mit der Gesellschaft steht. Es sollte sich als Instrument verstehen, das die au\u00dfen- und friedenspolitischen Ziele durchsetzen kann. Es sollte auch ein Milit\u00e4r sein, das von industriepolitischen \u00dcberlegungen nicht zu sehr abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<aside data-section-type=\"supplemental\" data-type=\"supplemental\">\n<div>\n<div>\n<div data-section-type=\"html\" data-position=\"center\" data-size=\"medium\">\n<div>\n<figure data-type=\"html\" data-provider=\"unknown\">\n<div class=\"js-embed-container\" data-embed-provider=\"\" data-embed-loaded=\"true\"><\/div>\n<\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/aside>\n<\/header>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Standard 26. Juni 2020 PODCAST EDITION ZUKUNFT: Krieg der Zukunft: Den Algorithmen die Waffen entziehen Interview von Fabian Sommavilla Eine EU-Armee kommt bis 2050. Das glauben Generalmajor Johann Frank vom Institut f\u00fcr Friedenssicherung und Konfliktmanagement und Saskia Stachowitsch vom \u00d6sterreichischen Institut f\u00fcr Internationale Politik Seit Menschengedenken f\u00fchren wir Krieg gegeneinander. 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