{"id":3098,"date":"2020-07-04T12:01:11","date_gmt":"2020-07-04T10:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/?p=3098"},"modified":"2020-07-08T12:12:26","modified_gmt":"2020-07-08T10:12:26","slug":"nicht-unter-dem-deckmantel-der-integration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/nicht-unter-dem-deckmantel-der-integration\/","title":{"rendered":"Nicht unter dem Deckmantel der Integration"},"content":{"rendered":"<p>Der Standard<br \/>\n<time datetime=\"2020-06-26T06:00 \">4. Juli 2020<br \/>\n<\/time>KOMMENTAR DER ANDEREN<\/p>\n<p class=\"article-title\"><strong>Nicht unter dem Deckmantel der Integration<br \/>\n<\/strong>von Daniela Pisoiu<\/p>\n<p><em>Dozentin Daniela Pisoiu findet, dass \u00d6sterreich keine &#34;integrationshemmende und polarisierungsf\u00f6rdernde Pauschalisierung braucht&#34;, sondern eine echte Integrationspolitik.<\/em><\/p>\n<p>Bei den Ereignissen der vergangenen Tage in Wien-Favoriten handelt es sich um Angriffe einer Gruppierung mit rechtsextremistischem Einschlag auf legale Kundgebungen und Einrichtungen, nicht um Auseinandersetzungen innerhalb der t\u00fcrkischen Community \u2013 und schon gar nicht um Parallelgesellschaften und mangelnde Integration. Warum also der Reflex in manchen politischen Diskursen, Erscheinungen von Extremismus und Radikalisierung, die sich nicht auf den einheimischen Rechtsextremismus beziehen, sofort mit mangelnder Integration zu assoziieren. Und ist er \u00fcberhaupt begr\u00fcndet?<\/p>\n<p>Fast zwanzig Jahre intensive Radikalisierungsforschung, sowohl im islamistischen als auch im rechtsextremistischen Bereich, ist unter anderem zu der klaren Schlussfolgerung gekommen, dass einfache Variablen wie Armut oder &#34;Integration&#34; in keinem kausalen Zusammenhang mit Radikalisierung stehen. Ganz wesentlich f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dessen, wie Radikalisierung funktioniert, ist das Zusammenspiel zwischen den Rekrutierungsstrategien extremistischer und terroristischer Organisationen und der pers\u00f6nlichen Lebenslage und W\u00fcnsche einzelner Individuen sowie die Sozialisierung in extremistische Ideologien und in eine extremistische Gruppe.<\/p>\n<p><b>Pauschale Verurteilungen<\/b><\/p>\n<p>Eine beachtliche Rolle \u2013 sowohl radikalisierungshemmend als auch radikalisierungsf\u00f6rdernd \u2013 spielen staatliche Ma\u00dfnahmen und Diskurse. Pauschale Verurteilungen ganzer Gemeinschaften, stigmatisierende Aussagen und evidenzlose Annahmen \u00fcber Radikalisierungsverl\u00e4ufe wirken radikalisierungsf\u00f6rdernd und tragen zudem zur Polarisierung in der Gesellschaft bei. Aktuelle innere sicherheitspolitische Trends in der EU legen den Schwerpunkt zurzeit auf die Vermeidung beziehungsweise Bek\u00e4mpfung der Polarisierung und der St\u00e4rkung sozialer Koh\u00e4sion. Auch die Einbeziehung der Communitys \u2013 aller Gemeinschaften in der Gesellschaft \u2013 ist eine wichtige S\u00e4ule der Pr\u00e4ventionspolitik.<\/p>\n<p>Hierzulande wird stattdessen versucht, eine in Europa vergleichsweise starke soziale Koh\u00e4sion und eine wenig polarisierte Gesellschaft zu schw\u00e4chen, indem man Communitys stigmatisiert und sie mit den gewaltt\u00e4tigen Ausbr\u00fcchen extremistischer Organisationen pauschal assoziiert. Dabei wird die Diskussion thematisch unter dem Deckmantel der Integration anstatt der Extremismusbek\u00e4mpfung platziert.<\/p>\n<p>An extremistischen Organisationen und Gruppierungen sowohl im islamistischen als auch im rechtsextremistischen Bereich fehlt es in \u00d6sterreich nicht, inklusive der Grauen W\u00f6lfe \u2013 einer t\u00fcrkischen, rechtsextremistischen Organisation. Diese Organisationen und Gruppierungen sollten nicht nur im islamistischen, sondern in beiden Spektren unter Beobachtung stehen \u2013 und abseits des schwammigen Begriffs des sogenannten &#34;politischen Islam&#34;, der im politischen Diskurs sowohl auf extremistische als auch legale und demokratiekonforme Organisationen verweist.<\/p>\n<p>Diese Beobachtungst\u00e4tigkeit geh\u00f6rt zu den Aufgaben des Verfassungsschutzes und nicht zu jenen der Wissenschaft oder der \u201aIntegration\u2018. Sie kommt in \u00d6sterreich leider viel zu kurz, was ein Blick auf die mit Zahlen und Daten zu extremistischen Organisationen ausgestatteten Verfassungsschutzberichte in Deutschland verdeutlicht. Schlie\u00dflich bedarf es einer sachlichen und evidenzbasierten Diskussion zum Thema Integration, die \u00fcber vereinfachte und wenig relevante Elemente hinausgeht \u2013 wie etwa, ob Kinder zuhause die Muttersprache sprechen.<\/p>\n<p><b>Communitys einbeziehen<\/b><\/p>\n<p>Die internationale wissenschaftliche Literatur unterscheidet f\u00fcr gew\u00f6hnlich zwischen der politischen, sozialen und \u00f6konomischen Dimension von Integration. Inbegriffen in diesen Dimensionen sind Faktoren wie Teilnahme und Teilhabe am politischen Prozess, das Bildungs- und Einkommensniveau sowie soziale Interaktion und Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es bedarf auch einer Integrationspolitik, die sich positiv an sachlichen Fragen orientiert, anstatt sich negativ als Brecher eines angenommenen Integrationswiderstands darzustellen. Die Stadt Wien weist ein hohes Niveau an sozialer Integration und ethnischer Durchmischung auf. Dies ist nicht \u00fcberraschend, da Initiativen von Wien im Bereich der Arbeit mit Communitys und der sozialen Koh\u00e4sion als Best Practice auf EU-Ebene anerkannt wurden.<\/p>\n<p>Politische Teilhabe ist allerdings ein ausbauf\u00e4higes Feld. Das wurde im Rahmen einer von uns gerade abgeschlossenen Studie in Interviews mit den Communitys \u2013 inklusive der &#34;einheimischen&#34; \u2013 in einem Wiener Bezirk best\u00e4tigt. Darin \u00e4u\u00dferten sie alle im \u00dcbrigen ihre Bereitschaft, bestehende Initiativen der Stadt Wien auszuweiten und brachten eigene Ideen in den Bereichen Integration und Pr\u00e4vention ein.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich braucht keine integrationshemmende und polarisierungsf\u00f6rdernde Pauschalisierung, sondern eine echte Integrations- und Pr\u00e4ventionspolitik, die Communitys nicht entfremdet, sondern einbezieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Standard 4. Juli 2020 KOMMENTAR DER ANDEREN Nicht unter dem Deckmantel der Integration von Daniela Pisoiu Dozentin Daniela Pisoiu findet, dass \u00d6sterreich keine &#34;integrationshemmende und polarisierungsf\u00f6rdernde Pauschalisierung braucht&#34;, sondern eine echte Integrationspolitik. 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