{"id":4331,"date":"2021-06-17T13:29:26","date_gmt":"2021-06-17T11:29:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/?p=4331"},"modified":"2021-06-28T12:11:49","modified_gmt":"2021-06-28T10:11:49","slug":"ich-sehe-die-welt-mit-aidas-augen-die-universelle-botschaft-von-quo-vadis-aida","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/ich-sehe-die-welt-mit-aidas-augen-die-universelle-botschaft-von-quo-vadis-aida\/","title":{"rendered":"Ich sehe die Welt mit Aidas Augen: Die universelle Botschaft von \u201eQuo vadis, Aida?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Falter 24\/21<\/strong><\/p>\n<p>Das Auge ist ein Fenster in die Seele, sagt man im Volksmund. Im Zentrum des Films von Jasmila \u017dbani\u0107, \u201eQuo Vadis, Aida?\u201c, stehen die Augen der Protagonistin, der Lehrerin Aida, die als \u00dcbersetzerin f\u00fcr die in der UN-Schutzzone Srebrenica stationierten niederl\u00e4ndischen Soldaten arbeitet. Als im Juli 1995 die Stadt von der Soldateska des Generals und mittlerweile verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladi\u0107 eingenommen wird, nimmt der V\u00f6lkermord, das schlimmste Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, seinen unheilvollen Lauf. Das Urteil gegen Mladi\u0107 wurde vor wenigen Tagen best\u00e4tigt, rechtlich sind der V\u00f6lkermord und die schweren Kriegsverbrechen bewiesen. Die Reaktionen auf das Urteil in der ganzen Region, die von Freude \u00fcber die Entscheidung bis hin zum reaktion\u00e4ren Revisionismus reichen, zeigen aber, wie stark die Macht der nationalistischen politischen Mobilisierung ist und wie tief die Klu# zwischen den einzelnen V\u00f6lkern. \u201eQuo Vadis, Aida?\u201c richtet sich gegen das Vergessen und das Spiel mit Hass und \u00c4ngsten. Der Film spricht eine andere, universelle Sprache, die aus dem Schmerz heraus nach Wegen der Vers\u00f6hnung sucht. \u201eQuo Vadis, Aida?\u201c ist eine Skizze \u00fcber das Menschliche und das Abscheuliche. Wenn \u017dbani\u0107 Szenen zeigt, in denen Mladi\u0107 und seine Soldaten S\u00fc\u00dfigkeiten an Kinder und Brot an die ausgehungerten Menschen in der Fabrikshalle verteilen, denen sie Stunden sp\u00e4ter unertr\u00e4gliches Leid zuf\u00fcgen werden, dann liefert sie damit eine Studie einer sadistischen Pers\u00f6nlichkeit. Wenn sie Aidas Augen zum Zentrum des Films macht, Augen, die suchen, die angsterf\u00fcllt dem B\u00f6sen entgegenblicken, die hoffen und Liebe zeigen, dann liefert sie eine Studie \u00fcber das Menschsein.<\/p>\n<p>Es ist ein Film \u00fcber das Ausarten des Menschen in das B\u00f6se schlechthin und zugleich ein universeller Appell, niemals Empathie und Menschlichkeit zu verlieren. In einer Szene fl\u00fcstert Aida ihrem Sohn zu, dass sie ihn liebt. Diese z\u00e4rtliche Geste erinnerte mich an meine Gro\u00dfmutter, als sie mir als Bub, meinen Kopf in ihrem Scho\u00df streichelnd, so oft zufl\u00fcsterte, dass immer alles gut sein w\u00fcrde und ich mir keine Sorgen machen solle. Sie wollte mich sch\u00fctzen vor der Welt und ich vertraute ihr. Aidas Fl\u00fcstern hallt im Verlauf des Films nach, verliert sich und verschwindet in jenen Momenten, als ihr Ehemann und ihre S\u00f6hne zusammengepfercht mit Dutzenden anderen M\u00e4nnern in einer Kinohalle erschossen werden. Dies ist die einzige Szene im Film, in der das T\u00f6ten indirekt gezeigt wird. Die Soldaten verschlie\u00dfen die Tore und rufen den todgeweihten bosniakischen M\u00e4nnern und Jugendlichen zu: \u201eGleich geht der Film f\u00fcr euch los.\u201c Die Kameraf\u00fchrung zeigt nur die Luken in der Wand, durch die Maschinengewehre der serbischen Soldaten durchgeschoben werden. Das Rattern des Maschinengewehrfeuers vertreibt die am \u00f6rtlichen Spielplatz Fu\u00dfball spielenden Kinder. Zur\u00fcck bleibt nur die Stille.<\/p>\n<p>Am Ende des Films kehrt Aida nach Srebrenica zur\u00fcck. Sie wird wieder Lehrerin in der \u00f6rtlichen Schule. Kinder f\u00fchren auf der B\u00fchne einen Tanz vor, lachen wie alle Kinder dieser Welt. Im Publikum freut sich auch jener serbische Kommandant, der im Film als Mladi\u0107s rechte Hand agiert, mit seiner Frau \u00fcber die sch\u00f6ne Performance seines Sohnes. Auch bosniakische R\u00fcckkehrereltern sitzen im Publikum, auch sie freuen sich. W\u00e4hrend ihres Au#ritts schlie\u00dfen und \u00f6ffnen die Kinder ihre Augen mit den H\u00e4nden. \u017dbani\u0107 gibt hier zu verstehen: Es gibt kein Entrinnen. Entsetzen und Leid bleiben. Die Auff\u00fchrung geht weiter, das Leben der Kinder in Srebrenica will gelebt werden, die n\u00e4chsten Generationen werden kommen. Die Hoffnung bleibt, dass ihnen Krieg und Leid erspart bleiben.<\/p>\n<p>Als der Abspann lief, erinnerte ich mich wieder an Aidas leisen Worte an ihren Sohn: \u201eVoli te mama\u201c \u2013 die Mama liebt dich. Aidas Fl\u00fcstern verliert sich im Jenseits, vereint sich mit dem Fl\u00fcstern der M\u00fctter von Srebrenica, die ihre S\u00f6hne im Genozid verloren haben. Da waren auf einmal wieder die Augen meiner Gro\u00dfmutter und Mutter vor mir, die Augen aller M\u00fctter, die mit diesen Worten ihren Kindern Trost und Sicherheit geben m\u00f6chten. Aidas Augen werden zu den Augen der ganzen Welt.<\/p>\n<p>VEDRAN D\u017dIHI\u0106<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falter 24\/21 Das Auge ist ein Fenster in die Seele, sagt man im Volksmund. 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