{"id":4961,"date":"2022-03-14T09:42:40","date_gmt":"2022-03-14T08:42:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/?p=4961"},"modified":"2022-03-14T09:42:40","modified_gmt":"2022-03-14T08:42:40","slug":"krieg-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oiip.ac.at\/en\/news\/krieg-in-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Krieg in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p><strong>Falter, 9\/22, Seite 15<\/strong><br \/>\n<strong>Vedran Dzihic<\/strong><\/p>\n<p>Du sp\u00fcrst das Unheil kommen und doch verdr\u00e4ngst du es. Die Augen sehen es, doch das Herz glaubt noch immer nicht daran und hofft, dass alles gut werden wird. Am Ende wird es aber nicht gut. Als meine Mutter im Oktober 1991 der Rede des sp\u00e4ter verurteilten Kriegsverbrechers Radovan Karad\u017ei\u0107 im Parlament von Bosnien-Herzegowina h\u00f6rte, in der er dem Land mit dem Weg in die H\u00f6lle und ins Verderben drohte, drehte sie sich mit Tr\u00e4nen in den Augen zu meinem Vater um und sagte leise: \u201eEs ist aus. Das ist der Krieg.\u201c Wir wollten und konnten es nicht wahrhaben. Einige Monate sp\u00e4ter klopfte der Krieg an unserer Haust\u00fcr und ver\u00e4nderte mein und das Leben meiner Familie f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Als ich letzte Woche die diabolische Rede des russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin anh\u00f6rte, wusste ich sofort, dass ein brutaler Krieg kommen wird. \u201eWirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!\u201c, hallten in mir die ber\u00fchmten Worte von Bertolt Brecht aus seinem Gedicht \u201eAn die Nachgeborenen\u201c nach.<\/p>\n<p>In Flashbacks, die mich in den Tagen und N\u00e4chten seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine begleiten, vermischen sich Bilder und Emotionen von damals und heute und werden zu einem Amalgam der Angst und der Sorge um all jene, die heute in der Ukraine leiden.<\/p>\n<p>Der Krieg ist ein Affront gegen das Menschsein. Der Krieg zermalmt die Pluralit\u00e4t des Menschen, in dem er hineinruft: \u201eDu darfst leben und bleibst verschont. Du aber, der Du das Andere bist, musst sterben.\u201c Der Krieg pr\u00e4gt sich all seinen Opfern tief ins Gesicht. Ich kann mein Gef\u00fchl von damals wieder sp\u00fcren, den Moment, als die Angst in mich hineinkroch, die letzten Winkel meines K\u00f6rpers erreichte. Doch man funktioniert, man wird zu einer \u00dcberlebensmaschine, die vom Wunsch nach Leben und der Hoffnung auf den Frieden und die Sicherheit angetrieben wird. Was Krieg wirklich bedeutet, versteht man erst, wenn er vorbei ist.<\/p>\n<p>Am Wochenende verbreitete sich im Internet ein kurzes Video eines ukrainischen Buben auf der Flucht. Mit tr\u00e4nengetr\u00e4nkten Augen sprach er von seinem Vater, der zur\u00fcckgeblieben sei, um den ukrainischen Streitkr\u00e4ften zu helfen. In einem Moment sah ich vor meinem inneren Auge mein eigenes Gesicht inmitten meines Krieges mit dem Gesicht des kleinen Buben verschmolzen. Und dann sp\u00fcrte ich wieder die leise aufkommende Hoffnung, dass der kleine Bub, genauso wie ich heute, einmal ein erwachsener Mann sein wird, der das Gesetz der sinnlosen Zerst\u00f6rung im Krieg f\u00fcr sich und seine Liebsten mit dem Gesetz der Hoffnung und der Liebe ersetzen wird k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falter, 9\/22, Seite 15 Vedran Dzihic Du sp\u00fcrst das Unheil kommen und doch verdr\u00e4ngst du es. Die Augen sehen es, doch das Herz glaubt noch immer nicht daran und hofft, dass alles gut werden wird. Am Ende wird es aber nicht gut. 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