Ist Ceuta Schauplatz geopolitischer Machtkämpfe?

Ist Ceuta Schauplatz geopolitischer Machtkämpfe?

Sophie Reichelt
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

JETZT.AT
7. August 2026
Interview mit Sophie Reichelt

Rund 72.000 Menschen haben vor Kurzem versucht, in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Mindestens 75 dieser Menschen sind beim Versuch gestorben.
Während Falschinformationen in sozialen Netzwerken als Auslöser vermutet werden, entbrennt in Europa eine hitzige Debatte über Abschottung und die Instrumentalisierung von Migrantinnen und Migranten durch Drittstaaten.

Hinter der Tragödie an der EU-Außengrenze steht ein komplexes Geflecht aus geopolitischen Machtspielen zwischen Spanien, Marokko, Algerien und sogar den USA. Gleichzeitig stehen zivilgesellschaftliche und humanitäre Organisationen vor einer großen Herausforderung. Sie versuchen, Menschenrechte trotz des wachsenden politischen Drucks zu verteidigen und das Geschehen vor Ort zu dokumentieren.

Über die Lage in Ceuta, das geopolitische Kräftemessen zwischen den Ländern und die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen an den EU-Außengrenzen spreche ich mit Sophie Reichelt.

Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) und forscht zu Forced Migration, mit einem Schwerpunkt auf der Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen an EU-Außengrenzen. Dazu hat sie auch in der spanischen Exklave Melilla gelebt und geforscht.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Interview:

  • Über 70.000 Menschen haben versucht, von Marokko nach Ceuta zu gelangen – mindestens 75 Menschen sind tot. Viele ertranken oder wurden erdrückt. Statt humanitärer Hilfe vor Ort dominierte in der öffentlichen Debatte die Rede von „Invasion" und Bedrohung. Rund 70.000 wurden inzwischen nach Marokko zurückgebracht. Ob Marokko die Migration gezielt als politisches Druckmittel eingesetzt hat, ist bislang nur Spekulation – aber nicht unbegründet, da es 2021 (Ceuta) und 2022 (Melilla-Massaker) bereits ähnliche Vorfälle gab, jeweils im Zusammenhang mit dem Westsahara-Konflikt.
  • Statt Konsequenzen kündigte die EU-Kommission zusätzliche finanzielle und technische Hilfe für Marokko an. Der Grund: Die EU setzt strukturell auf Kooperation mit Drittstaaten zur „Migrationsabwehr" und will dieses Modell nicht infrage stellen – ähnlich wie bei der Türkei, Libyen oder Ägypten. Zudem ist Spanien stark von Marokko abhängig (Terror- und Drogenbekämpfung), und Marokko hat mit den USA und Israel mächtige Fürsprecher. Die EU zeigte sich dagegen zunächst gespalten und wenig solidarisch mit Spanien.
  • Humanitäre Organisationen leisten essenzielle Political Borderwork. Sie dokumentieren Verstöße gegen behördliches Schweigen und erkämpfen Rechte für Menschen auf der Flucht. Allerdings geraten sie dadurch unter enormen Druck. Echte europäische Verantwortung erfordert laut Sophie Reichelt die menschenwürdige Aufnahme, faire Asylverfahren und die Verteilung Geflüchteter statt reiner Grenzsicherung.