China und die Kosten der KI-Gesellschaft: Eine Vorschau für Europa

Kommentar von Oliver Radtke
Juli 2026

Über den Autor:
Oliver Radtke (纪韶融) ist Sinologe, Publizist und Berater an der Schnittstelle zwischen Europa und China. Er ist derzeit Research Fellow am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien und Gastdozent an der Shanghai International Studies University. Davor war er u.a. Länderdirektor der Heinrich-Böll-Stiftung in Peking und Generalsekretär des Deutsch-Chinesischen Dialogforums des Auswärtigen Amts. Seine Arbeit kreist um institutionelle Empathie – das Übersetzen zwischen den Systemlogiken Europas und Chinas.

Die in diesem Papier vertretenen Ansichten sind ausschließlich jene des Autors und spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung der mit ihm verbundenen Institutionen wider.

Zwischen Menetekel und Labor

Was Chinas digitale Erschöpfung wirklich verrät

Ich saß vor kurzem in einem Taxi vom Flughafen Pudong in die Innenstadt Shanghais. Mein Fahrer hatte, wie viele andere in der Metropole am Huangpu, sein Handy am Armaturenbrett befestigt. Während der Fahrt plauderte er per Sprachnachrichten mit seinen Kollegen, verschob parallel einen Arzttermin für seine Mutter, shoppte auf Taobao nach Ersatzteilen und stritt nebenbei per WeChat mit seiner Frau, die ihn früher zu Hause erwartet hatte. Zwanzig Minuten, vier Lebensbereiche, ein Bildschirm.

In chinesischen Großstädten lässt sich das berufliche wie das private Leben kaum noch ohne Tencents digitales Schweizer Taschenmesser, WeChat, organisieren. Ganze Firmen werden zwischen Shanghai und Shenyang ausschließlich über diese eine App gesteuert: Gehaltszahlungen, Krankmeldungen, Teambesprechungen, selbst Kündigungen laufen über denselben Kanal, über den man Freunden niedliche Gute-Nacht-Sticker, sogenannte biaoqingbao (表情包), schickt. Kaum eine andere Gesellschaft verschmilzt digitales und analoges Leben so vollständig, nirgendwo zeigen sich die Kosten so deutlich: steigende Burnout-Raten, eine sprunghaft gestiegene Rate depressiver Symptome bei Jugendlichen, sinkende zwischenmenschliche Kommunikationsfähigkeit, eine Generation, die zwischen Dauererreichbarkeit und Erschöpfung aufgerieben wird. China ist damit jedoch kein exotischer Sonderfall, sondern ein Brennglas, durch das sich die rapide Digitalisierung unserer Welt betrachten lässt.

China ist kein exotischer Sonderfall. Es ist ein Brennglas.

—  Der Terminplan eines Lebens  —

Bevor die Digitalisierung als Sündenbock für alles herhalten muss, lohnt sich der Blick auf das, was in China längst vor jedem Bildschirm Druck erzeugte: den informellen, ungeschriebenen Terminplan des Lebens. Wer heiraten will, sollte es nach wie vor vor dem 30. Lebensjahr tun. Wohneigentum gilt dabei häufig nicht als Krönung, sondern als Startvoraussetzung: Ohne eigene Wohnung, so die weit verbreitete Erwartung potenzieller Schwiegereltern, kein Ehevertrag. Wer glaubt, Dating-Apps hätten die Romantik algorithmisiert, war noch nie sonntags im Shanghaier Volkspark. Wer dort entlangschlendert, sieht, wie ernst das gemeint ist: Seit 2005 hängen dort, in der sogenannten xiangqin jiao (相亲角), aufgespannte Regenschirme mit laminierten Steckbriefen unverheirateter Söhne und Töchter – Alter, Größe, Einkommen, Wohnungsgröße, fein säuberlich aufgelistet von Eltern, die selbst nach Schwiegerkindern Ausschau halten. Kinder sollen in einem engen Zeitfenster folgen, die Pflege der eigenen Eltern gilt als selbstverständliche kindliche Pflicht, nicht als Aufgabe des Staates. Für die Generation der Einzelkinder verschärft sich das zum sogenannten „4-2-1-Problem“: vier Großeltern, zwei Eltern, ein Kind, das am Ende für die Versorgung aller verantwortlich gemacht wird.

Verschärft wird dieser Terminplan durch eine zweite, härtere Frist: die 35-Jahre-Schwelle 35 sui menkan (35岁门槛). Insbesondere im Technologiesektor gilt sie faktisch als Verfallsdatum für die eigene Karriere. Laut Erhebungen verlangten 2025 über 60 Prozent der ausgeschriebenen Stellen explizit ein Alter unter 35; in digitalen Kernbranchen liegt der Anteil der Belegschaft unter 35 Jahren nach Zensusdaten bei bis zu 70 Prozent. Selbst Chinas Beamtenprüfung, eine der wenigen als sicher geltenden Laufbahnen, kennt dieselbe Altersgrenze. Der Begriff geht auf einen 2018 viral gegangenen Erfahrungsbericht einer Personalerin zurück und wurde durch die Entlassungswellen der Corona-Jahre zusätzlich zugespitzt.

Der Terminplan des Lebens ist älter als das Smartphone und das Internet. Er erklärt, warum der Druck, um den es hier geht, nicht von der Digitalisierung erzeugt wurde – er erklärt aber auch, warum das Digitale ihn so wirkungsvoll verstärken konnte: Es macht sichtbar, vergleichbar und in Echtzeit messbar, was zuvor eine private, stille Sorge war. Erst das Ranking, der Algorithmus, die App verwandeln einen kulturellen Fahrplan in einen permanenten, öffentlich einsehbaren Wettbewerb.

—  Das Brennglas-Prinzip  —

Was in Europa Jahrzehnte gedauert hat – Digitalisierung, Plattformökonomie, die Erosion klarer Grenzen zwischen Arbeit und Leben –, hat sich in China in wenigen Jahren verdichtet. Drei Faktoren erklären das Tempo der Eskalation. Erstens die schiere Kompression: Urbanisierung, wirtschaftlicher Aufstieg und digitale Durchdringung, die anderswo über Generationen verteilt waren, vollzogen sich hier innerhalb von zwei Jahrzehnten. Zweitens der gesellschaftliche Druck: ein Bildungssystem, das über die Gaokao einen einzigen, extrem kompetitiven Flaschenhals bildet, verstärkt durch familiäre Erwartungshaltungen, die den Aufstieg einer ganzen Generation an den Erfolg des Einzelkindes knüpfen. Drittens die Plattformökonomie selbst, deren Algorithmen nicht neutral vermitteln, sondern aktiv verdichten: Der 2020 viral gegangene Essay „Gefangen im System“ (kun zai xitong li 困在系统里) der Journalistin Lai Youxuan 赖祐萱 über Essenslieferanten machte sichtbar, wie Zustellzeiten von Algorithmen so eng getaktet wurden, dass Fahrer regelmäßig rote Ampeln überfuhren, um pünktlich zu bleiben. Entspanntes Scrollen auf der einen Seite, Herzrasen auf der anderen – beides stumm vereint in einem comichaften Scooter-Symbol, das die verbleibende Wegstrecke anzeigen soll. Auf Millionen von Handy-Bildschirmen. Tag und Nacht.

Verstärkt wird der Druck durch das Fehlen jener Gegenkräfte, die in Europa zumindest dämpfend wirken. Unabhängige Gewerkschaften gibt es nicht, und eine verhandlungsfähige Zivilgesellschaft ist aufgrund zunehmender politischer Kontrolle und immer größerer bürokratischer Auflagen auf ein Minimum geschrumpft.

Das Ergebnis ist also keine kulturelle Eigenart, sondern eine schärfere, schnellere Version eines globalen Musters. Was in Berlin oder Wien als Unbehagen registriert wird, erscheint in Shenzhen oder Hangzhou als Systemkrise. Digitale Technologien erzeugen die hier beschriebenen Spannungen in aller Regel nicht selbst, sondern verstärken einen Leistungs-, Konkurrenz- und Zukunftsdruck, der bereits vor ihnen bestand.

Im noch jungen KI-Zeitalter deutet sich dagegen bereits etwas anderes an: Es könnte beginnen, die gesellschaftliche Chancenstruktur selbst zu verändern, auf der dieser Druck bislang beruhte. Dass dieselbe Digitalisierung auch enorme Chancen eröffnet hat, steht außer Frage. Dieser Essay widmet sich jedoch bewusst der Unsicherheit und dem offenen Ausgang dieser Entwicklung, nicht der bisherigen Bilanz.

—  Phänomen, nicht Bewegung  —

Wer daraus schließt, dass sich in China eine organisierte Gegenbewegung formiert, überschätzt die Lage. Die sichtbarsten Reaktionen – die 996.ICU-Proteste chinesischer Programmierer 2019 (gegen eine Arbeitswoche von 9 bis 21 Uhr an sechs Tagen, benannt nach dem englischen Akronym für Intensivstation, in der ein solches Tempo endet), das tangping-Ethos des bewussten Rückzugs (wörtlich das „Sich-flach-Hinlegen“, eine stille Verweigerung des Aufstiegsversprechens), die neijuan-Debatte über zermürbende Konkurrenz ohne eigenes berufliches Fortkommen (wörtlich „Einrollung“) – sind dezentralisierte und episodische Formen kollektiven Protests, denen dennoch eine dauerhafte Organisations- und Verhandlungsmacht fehlt. Zwar hatte die 996.ICU-Kampagne eine vernetzt-kollektive Dimension: Auf GitHub – einer Plattform, auf der Programmierer weltweit gemeinsam an Code arbeiten und sich austauschen – entstand ein digitaler Gegenraum, in dem sich eine gleichermaßen schreibtisch- wie fließbandkompatible Identität artikulierte und mit konkreten arbeitsrechtlichen Forderungen verband. Was jedoch auch hier fehlte, war die Verstetigung dieser Energie in dauerhaften Institutionen, jenem Aspekt also, der eine Bewegung von einem episodischen Aufflackern kollektiven Unmuts unterscheidet.

Was diese Phänomene aber besitzen, ist gesellschaftliche Hartnäckigkeit – eine Beharrlichkeit, die den Staat zum Handeln zwingt, auch ohne dass jemand dafür auf die Straße geht. Nach dem Tod eines überarbeiteten Mitarbeiters veröffentlichten der Oberste Volksgerichtshof und das Arbeitsministerium 2021 gemeinsam zehn arbeitsrechtliche Musterfälle, die klarstellten, dass die 996-Arbeitswoche bereits geltendes Arbeitsrecht verletzt. Der Staat traf keine neue Grundsatzentscheidung, sondern verwies auf bestehendes Recht. Die „doppelte Reduktion“ (shuang jian双减) – benannt nach der gleichzeitigen Kürzung der Hausaufgabenlast und der außerschulischen Nachhilfe – desselben Jahres zerschlug die milliardenschwere private Nachhilfeindustrie nahezu vollständig, kostete Millionen Lehrkräfte ihren Job und ließ die Börsenkurse der Anbieter einbrechen. Meituan, der führende Lieferdienst Chinas, verlor innerhalb weniger Tage rund 39 Milliarden Dollar an Marktwert, nachdem Regulierungsbehörden gegen seine Lieferalgorithmen vorgingen; das Unternehmen schaffte inzwischen seine Verspätungsstrafe ab und führte Zwangs-Logout-Funktionen bei Übermüdung ein.

Diese realen, teuren Eingriffe ordnen zwar den kurzfristigen wirtschaftlichen Nutzen der sozialen Stabilität unter. Aber es bleibt eine selektive Strukturreform ohne Systemwandel: Die Eingriffe kurieren Symptome, während die tieferliegende Wachstums- und Konkurrenzlogik, die diese Symptome erst erzeugt, unangetastet bleibt. Der Staat reagiert auf ein hartnäckiges gesellschaftliches Phänomen mit chirurgischen Eingriffen statt mit einer ganzheitlichen Therapie.

—  Die Zahlen dahinter  —

Wie tief der Druck sitzt, auf den der Staat mit punktuellen Maßnahmen reagiert, zeigen die Zahlen. Dass es sich um eine messbare Krise handelt, bestätigt ausgerechnet die eigene Regierungsforschung. Die China National Mental Health Survey 2021–2022 ermittelte mittels standardisierter Tests bei 18- bis 24-Jährigen ein erhöhtes Depressionsrisiko von 24,1 Prozent – gegenüber 10,6 Prozent in der Gesamtbevölkerung der Erwachsenen. Gemeint ist damit eine anhand standardisierter Tests ermittelte Risikoquote, nicht ein Anteil klinisch diagnostizierter Erkrankungen. Das „Blaubuch für psychische Gesundheit“ (2023–2024) bestätigt, dass das Niveau depressiver Symptome in genau dieser Altersgruppe seinen Höhepunkt erreicht hat und die depressive Symptomatik am engsten mit jugendlichem Suizid verknüpft bleibt.

Handynutzung wird in der chinesischen Fachliteratur zur Krankheitslast explizit als Risikofaktor benannt – Cybermobbing, Spielsucht, „Informationskokons“, die reale Interaktion durch virtuelle ersetzen und soziale Kompetenz schwächen. Doch dieselbe Forschung sieht das Handy nicht als alleinige Ursache, sondern als gleichrangig mit dem Bildungsdruck: Das „Familienerziehungs-Blaubuch 2024“ fand, dass 80 Prozent der Eltern wegen der schulischen Leistungen ihrer Kinder in einer Art Dauerangst leben und 45 Prozent regelmäßig zu stark in die Angelegenheiten ihrer Kinder eingreifen. Die Handysucht ist damit eher Verstärker und Ventil als eigenständiger Treiber.

Diese Dynamik wurde durch die Pandemie verschärft. Die strikten Null-COVID-Maßnahmen der Jahre 2020 bis 2022, mit wochenlangen Lockdowns selbst in Shanghai, machten das Smartphone zum einzigen verbliebenen Fenster nach draußen – für Homeschooling, Lebensmittelbestellungen, Gesundheits-Codes, sozialen Kontakt. Eine Abhängigkeit, die bereits bestand, wurde in diesen Jahren strukturell eingemauert, während gleichzeitig der persönliche Kontakt über Monate entfiel, mit psychischen Folgekosten, die sich in den seither gestiegenen Werten für depressive Symptomatik niederschlagen.

—  Das Verschwinden des Nahen  —

Für den Verlust, der hinter diesen Zahlen steht, hat der am Max-Planck-Institut in Halle forschende Sozialanthropologe Xiang Biao 项飙 einen Begriff geprägt, der in China zum geflügelten Wort wurde: das „Verschwinden des Nahen“ (fujin de xiaoshi 附近的消失). Gemeint ist der unmittelbare Lebensraum – Nachbarn, der Gemüsehändler an der Ecke, die Nachbarschaft als soziales Gewebe –, der zwischen den beiden Polen verschwindet, auf die sich das digitale Leben zunehmend konzentriert: das rein Private, also die eigene Familie und der eigene Chat, und das rein Globale, also Weltnachrichten und große Ereignisse. Was fehlt, ist die mittlere Ebene, die traditionell gesellschaftlichen Halt gab. Xiang Biao beobachtete, dass junge Chinesen ihre eigene Nachbarschaft oft nicht mehr beschreiben können – wo die Eltern arbeiten, wer im Laden nebenan steht –, weil sie dieses Wissen für irrelevant halten, verglichen mit dem, was wirklich zu zählen scheint: Notendurchschnitt, Ranking, Testergebnis. Das Verschwinden des Nahen ist damit keine Randerscheinung der Digitalisierung, sondern womöglich ihr deutlichstes soziales Symptom.

—  Die Flucht ins Analoge – und ihre Grenzen  —

Wo Menschen versuchen, dieses Nahe zurückzugewinnen, zeigt sich ein zweites Paradox. Chinas Camping-Boom erzeugte 2024 rund 214 Milliarden Yuan Umsatz, mit Suchanfragen, die sich zwischen 2020 und 2022 mehr als versiebenfachten. Doch der Fluchtweg aus dem Digitalen führt durch das Digitale hindurch: Campingplätze werden explizit fürs Foto gestaltet, als „Instagram-würdige“ Naturkulisse für die Social-Media-Plattform Xiaohongshu inszeniert. Akademische Beobachter nennen das Phänomen treffend „aesthetic camping“.

Man campt nicht, um offline zu sein – man campt, um es online zu zeigen.

Interessanter ist ein kleines, aber authentisches Signal: der wachsende Markt für laonianji 老年机, einfache Tastenhandys, die traditionell für Senioren gedacht waren und oft für unter 300 Yuan, nicht einmal 40 Euro, über den Ladentisch gehen. Eine wachsende Zahl junger Chinesen kauft sie inzwischen bewusst, um sich von der täglichen Datenflut zu „entgiften“ – ein Trend, der in Wirtschaftsmedien wiederholt beschrieben wird, aber in der offiziellen Marktforschung noch nicht einmal demografisch erfasst ist. Es bleibt ein Randphänomen, zu klein, um eine Gegenbewegung zu sein, aber real genug, um zu zeigen, dass neben totaler Digitalisierung und totaler Verweigerung ein dritter Weg denkbar ist. Die Pointe dabei: Es sind ausgerechnet die echten Alten, die in Rekordtempo ins Digitale abwandern – 161 Millionen internetnutzende Über-60-Jährige Mitte 2025, gegenüber noch 119 Millionen Ende 2021 –, während ein Teil der Jungen sich rückwärts ins Analoge flüchtet. Die erwartete Generationenlogik kehrt sich um.

—  Wenn die KI die Liebe ersetzt  —

Nicht jeder Fluchtversuch führt zurück in die analoge Welt. Manche führen tiefer ins Digitale – dorthin, wo Nähe nicht wiedergefunden, sondern vollständig simuliert wird. Ein Feld, in dem sich das Verschwinden des Nahen besonders drastisch zeigt, ist die zunehmende emotionale Abhängigkeit von sogenannten KI-Companion-Apps. Millionen Chinesinnen und Chinesen führen inzwischen Freundschaften oder Liebesbeziehungen mit KI-Avataren – eine Entwicklung, auf die Peking im Frühjahr 2026 reagierte. Die offizielle Begründung verknüpft die Prävention solcher Abhängigkeitsrisiken ausdrücklich mit dem Ziel, eine gesunde und geordnete Entwicklung der Branche zu fördern – nicht allein mit dem Schutz einzelner Nutzer.

Am 10. April 2026 erließen Chinas Internetregulierer gemeinsam mit vier weiteren Ministerien die „Vorläufigen Maßnahmen zur Verwaltung anthropomorpher KI-Interaktionsdienste“ (rengong zhineng nirenhua hudong fuwu guanli zanxing banfa 人工智能拟人化互动服务管理暂行办法), die seit dem 15. Juli 2026 in Kraft sind – also seit genau einer Woche. Das Regelwerk ist bemerkenswert konkret: Anbietern ist es untersagt, Nutzer übermäßig zu umschmeicheln oder emotionale Abhängigkeit gezielt zu fördern; Chatbots dürfen reale zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzen; Minderjährigen dürfen keine virtuellen Partner oder virtuelle Familienmitglieder angeboten werden; und wer länger als zwei Stunden ununterbrochen mit einem Bot interagiert, muss aktiv daran erinnert werden, dass er es mit einer Maschine zu tun hat. Es ist eine der bislang konkretesten Regulierungen zu Mensch-KI-Beziehungen weltweit. Ausgerechnet der Staat, der seine Bürger vor emotionaler Abhängigkeit von KI-Partnern warnt, verlangt von ihnen im Alltag unbedingtes Vertrauen in staatliche Gesundheits- und Zahlungs-Apps.

Wie soll ein Kind einen reflektierten Umgang mit einem Kleinstcomputer entwickeln, wenn die Erwachsenen um es herum ihr eigenes Nutzungsverhalten längst nicht mehr kontrollieren?

Bezeichnend ist, dass die Verordnung ausgerechnet bei Minderjährigen am strengsten ansetzt. Virtuelle Partnerschaften sind für sie schlicht verboten. Das wirft aber eine unbequeme Rückfrage auf, die in der öffentlichen Debatte meist zu kurz kommt: Medienerziehung, die bei Kindern ansetzt, aber Erwachsene ausspart, kuriert auch hier nur am Symptom, nicht an der eigentlichen Schieflage.

Warum aber sind es gerade in China ausgerechnet KI-Chatbots, die ein so großes Vakuum füllen? Der Ostasien-Korrespondent Fabian Kretschmer verortet die Antwort in zwei ineinandergreifenden Dynamiken. Erstens der bereits beschriebene Leistungs- und Arbeitsmarktdruck: Junge Menschen, die sich in einem harten Wettbewerb um schwindende Chancen aufreiben, ziehen sich in eine digitale Welt zurück, die zumindest kontrollierbar erscheint. Zweitens – ein eigenständiger und bislang wenig beachteter Faktor – ein schwelender Genderkonflikt: Junge Chinesinnen wachsen heute selbstbewusst, wirtschaftlich unabhängig und mit einem kritischen Blick auf traditionelle Rollenbilder auf. Viele junge Männer halten dagegen an konservativeren Vorstellungen fest. Die dadurch entstehende Lücke in Empathie und emotionalem Verständnis, die viele Frauen bei gleichaltrigen Männern und Partnern vermissen, wird durch KI-Chatbots ausgeglichen.

Damit fügt sich das KI-Beziehungsphänomen exakt in das Muster, das dieser Essay bereits mehrfach beschrieben hat: Es ist kein eigenständiges Übel, sondern das Symptom zweier vorbestehender Verschiebungen – wirtschaftlicher Unsicherheit und eines ungelösten gesellschaftlichen Rollenwandels zwischen den Geschlechtern –, das im digitalen Raum eine Form findet, weil es anderswo keine findet.

—  Der eigentliche Bruch  —

Was aber, wenn die Digitalisierung nicht mehr nur verstärkt, sondern selbst zur Ursache wird? Alle bisher beschriebenen gesellschaftlichen Phänomene – Burnout, Handysucht, Naturentfremdung, selbst die Camping-Welle – folgen einem gemeinsamen Muster: Es sind Verstärker und Ventile auf einem vorbestehenden Druck, keine eigenständigen Ursachen. An einer Stelle bricht dieses Muster jedoch: bei der Bedrohung, die die künstliche Intelligenz für Berufseinsteiger darstellt. Hier erhöht sich nicht nur der Konkurrenzdruck um knappere Einstiegsstellen. Hier verschwindet die Grundlage selbst. Das Versprechen, das Generationen chinesischer Familien angetrieben hat – harte Arbeit, gute Ausbildung, gesicherter beruflicher Aufstieg –, verliert seine Gültigkeit, noch bevor die junge Generation überhaupt die Chance hat, es einzulösen..

Es geht am Ende nicht um Digital versus Analog. Das Digitale ist nur die sichtbarste Bühne, auf der sich ein tieferer Bruch abspielt: der Verlust einer gesicherten Zukunftsperspektive. Burnout, Handysucht, Naturentfremdung und depressive Symptome bei Jugendlichen sind die unterschiedlichen Ausdrucksformen, in denen sich dieser Verlust bei verschiedenen Gruppen zeigt.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Wie verhält sich der Mensch zum Bildschirm? Sondern: Wie verhält sich der Mensch zu einer Unsicherheit, die keinen Endpunkt mehr hat?

—  Die andere Seite der Medaille  —

Zur Wahrheit gehört auch: Dieselbe Digitalisierung, die hier vor allem als Erschöpfungsmaschine beschrieben wurde, hat in China Zugänge geschaffen, die es zuvor schlicht nicht gab. Digitale Finanzdienstleistungen haben Millionen bankferner Haushalte auf dem Land erstmals Zugang zum Kredit- und Zahlungsverkehr verschafft. Ganze Siedlungen vermarkten ihre Produkte heute direkt über E-Commerce-Plattformen – die sogenannten „Taobao-Dörfer“ sind ein Beispiel dafür, wie dieselbe Infrastruktur, die anderswo Erschöpfung erzeugt, hier ländliche Regionen wirtschaftlich an die Küstenstädte anschließt. Angefangen hat das 2006 im Dorf Dongfeng in Shaji, Provinz Jiangsu, wo ein einzelner Rückkehrer, der der Wanderarbeit an der chinesischen Ostküste überdrüssig geworden war, damit begann, Möbel über Taobao zu verkaufen; heute leben Tausende Haushalte in der Region vom selben Geschäftsmodell. Telemedizin und digitale Bildungsangebote erreichen Regionen, die von physischer Infrastruktur abgeschnitten sind. Selbst die in diesem Essay beschriebene KI-Regulierung ist, bei aller berechtigten Kritik an ihrer Motivlage, auch ein Beleg dafür, dass staatliche Systeme lernfähig auf digitale Risiken reagieren können und nicht nur ohnmächtig von ihnen überrollt werden.

Der historische Vergleich, der sich aufdrängt, ist die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Auch sie riss Familien aus dörflichen Strukturen, erzeugte Erschöpfung durch neue, fabrikgetaktete Arbeitsrhythmen, kannte Kinderarbeit und Existenzangst – und wurde erst mit erheblicher Verzögerung durch Arbeitsschutzgesetze, Sozialversicherung und die Acht-Stunden-Bewegung eingehegt. Die 996-Klarstellung und die „doppelte Reduktion“ sind, historisch betrachtet, nichts anderes als verspätete Fabrikgesetze für eine digitale Ökonomie. Der Unterschied liegt im Tempo: Was in Europa über drei Generationen verhandelt wurde, verhandelt China in einer einzigen – und tut es zudem nicht isoliert, sondern in all seiner Unsicherheit vor Augen einer Weltöffentlichkeit, die in Echtzeit mitliest.

—  Menetekel oder Labor  —

Diese Unsicherheit ist kein Durchgangsstadium, das sich nach ein paar schmerzhaften Jahren wieder auflöst. Sie ist ein neuer Dauerzustand, getrieben von einer technologischen Beschleunigung, die sich nicht zurückdrehen lässt.

Ob dieser Dauerzustand eine offene Wunde bleibt, an der sich Menschen strukturell wund reiben, oder ob sich – wie im Fall des 老年机 – neue Kompetenzen im Umgang mit dauerhafter Unsicherheit entwickeln, lässt sich heute (noch) nicht seriös entscheiden. China lässt sich damit doppelt lesen: als Menetekel, ein Bild dessen, was anderen Gesellschaften noch bevorsteht und wovor zu warnen wäre – oder als Laboratorium, in dem sich früher als anderswo beobachten lässt, wie eine Gesellschaft beginnt, unter veränderten Vorzeichen zu leben, statt nur auf deren Auflösung zu warten.

Literaturverzeichnis